Puzzlestück

Es ist an der Zeit für mehr Systemisches Denken im Design

Wer schon einmal einen Designprozess für ein Branding oder UX-Design durchlaufen hat, der:die weiß, dass der Ausgangspunkt vieler Designentscheidungen die jeweilige Zielgruppe des Designs mitsamt ihren Bedürfnissen, Wünschen und Gewohnheiten ist. Das hat auch einen guten Grund: Ein Design, das von der Zielgruppe nicht angenommen (Brand), gekauft (Produkt) oder verwendet (User Interface) wird, bleibt erfolglos. Design soll Sinn und Zweck haben – Ein gründliches Verständnis des Anwendungszwecks und der Vorlieben der Rezipient:innen/User:innen ist somit unumgänglich.

Als Designer:innen sollten wir jedoch nicht vergessen, dass es neben dieser Menschengruppe auch noch andere Interessensgruppen geben kann, welche die Auswirkungen unserer Designs spüren. Ein Design existiert immerhin nie losgelöst von seiner Umwelt, sondern wird darin eingebettet. Es ist demnach eine zentrale Designaufgabe, diese Umwelt genauso zu analysieren und zu verstehen. Welche weiteren Bedürfnisse existieren neben denen meiner Hauptzielgruppe bzw. außerhalb des Marktes? Nur ein ganzheitliches, systemisches Verständnis der Ausgangslage kann dafür sorgen, dass wir uns im Designprozess nicht in eng-definierten Details und Anwendungsfällen verlieren.

Ein Beispiel aus der Praxis

Sehen wir uns dies anhand eines Beispiels an. Angenommen, ich möchte eine Social Media Plattform speziell für jüngere Schüler:innen gestalten, damit sie sich mit Personen mit ähnlichen Interessensfeldern austauschen können. Traditionell würde ich eine Zielgruppenanalyse durchführen, Personas erstellen und ihre Use Cases definieren, um zu verstehen, wer die Plattform verwenden wird und welche Aufgaben sie konkret damit lösen möchten. Aus diesen Einsichten würde ich Navigationsstrukturen und Interface Designs ableiten, diese an der Zielgruppe testen und daraus iterativ ein nutzungsfreundliches und effektives Design erarbeiten.

Wir denken hierbei an nahtlose, effiziente und intuitive Nutzungserlebnisse sowie stimmige visuelle Aufbereitungen mit durchdachten Layouts und Typografiesystemen. Alles wichtige Aspekte im Design! Aber wo finden sich in diesem Designprozess Überlegungen zu dem potenziellen Abhängigkeitsverhalten Jugendlicher von digitalen Anwendungen? Wie verhält es sich mit der potenziellen, sozialen Ausschließung von Non-User:innen? Wie wirkt sich diese Plattform auf die Bildung politischer Einstellungen, die potenzielle Polarisierung, die Verbreitung von Falschnachrichten oder den zwischenmenschlichen Umgang im Netz aus? Und wie viel Strom und Energieaufwand bedarf die Entwicklung und breite Verwendung dieser App?

Design mit Sinn sieht über den traditionellen Tellerrand hinaus und generiert nicht nur Mehrwert, der sich gut verkaufen und verwenden lässt, sondern fördert das Wohlbefinden für Mensch, Gesellschaft und Umwelt zugleich.

Methoden für Systemisches Design

Wer ganzheitlicher und systemischer arbeiten möchte, muss auch dementsprechende Überlegungen und konkrete Schritte in den eigenen Workflow integrieren. Die folgenden zwei Methoden können dabei unterstützend wirken:

Systems Map

Eine Systems Map ist eine visuelle Repräsentation von verschiedenen Akteur:innen, ihren Beziehungen und Interaktionen innerhalb eines Systems. Das Erstellen solch einer Übersicht erweitert die konventionelle Zielgruppenanalyse und hilft dabei, ein breiteres Verständnis des Wirkungsbereiches unserer Designs aufzubauen. Dabei gibt es verschiedene Arten von Systems Maps.

Eine einfache Form davon kann folgendermaßen aussehen: Zuerst werden alle relevanten Akteur:innen niedergeschrieben. Nimm dir hier wirklich Zeit, um auch über die offensichtlichen Player hinauszudenken. Direkte Akteur:innen wären etwa Plattformnutzende, indirekte aber auch die Familienangehörigen oder Lehrer:innen der Nutzenden. Die Umwelt könnte ein eigener Akteur sein, sowie die Mitschüler:innen, die die Plattform nicht verwenden. Markiere anschließend mit Pfeilen, wie die diversen Akteur:innen miteinander in Verbindung stehen. Markiere auch die Art der Beziehung, die vorherrscht.

Die Erstellung dieser Map kann dabei helfen, Wirkungsketten zu verstehen, mögliche Auswirkungen von Designentscheidungen auf das System zu antizipieren und Bereiche zu identifizieren, die noch näher untersucht und verstanden werden müssen.

Inklusive & Non-human Personas

Personas sind bereits ein Go-To für viele Desiger:innen. Es handelt sich dabei um eine personifizierte Repräsentation von Zielgruppensegmenten. Personas helfen dabei, die Komplexität von Rechercheeinsichten zu reduzieren und die Empathiebildung zu fördern.

Um verstärkt systemisch zu arbeiten, können nicht nur Personas für die direkte Zielgruppe erstellt werden, sondern auch Personas für andere Interessensgruppen, die z.B. bei der Erstellung der Systems Map erkannt wurden. Die Umwelt könnte eine eigene Persona sein, die ihre Bedürfnisse nach ressourcenschonender Technologie ausdrückt, oder die Eltern der Schüler:innen, die sich um die mentale Gesundheit und Entwicklung ihrer Kinder sorgen.

Im Designprozess geht es dann darum, nicht nur die direkten User:innen der App als Benchmark für erfolgreiches Design heranzuziehen, sondern die diversen Bedürfnisse verschiedener Interessensgruppen sorgsam gegeneinander aufzuwiegen.

Die Verantwortung der Designer:innen

Designtheoretiker Richard Buchanan, formulierte es bereits 2001 sehr treffend als er schrieb: „The principles that guide our work are not exhausted when we have finished our ergonomic, psychological, sociological, and anthropological studies of what fits the human body and mind“ (S 35). Designer:innen tragen viel weitreichendere Verantwortung, und es ist an der Zeit, dieser mit systemischer Designentwicklung aktiv nachzugehen.

Literaturtipps

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